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Gangerkundung

Autor: Buschn-Hans
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„Maulwürfe“ unter dem Rathaus

Wenn in Stammtischgesprächen die Rede auf die rätselhaften unterirdischen Gänge kommt, wird bald klar, daß keiner genau weiß, was denn nun wo, wie und in welcher Länge im Untergrund des alten Marktkernes existiert. Doch das könnte sich in den nächsten Jahren ändern, sofern die Grundstücksbesitzer einverstanden sind. Einige Kohlberger möchten diesem Geheimnis im wahrsten Sinne des Wortes gerne auf den Grund gehen.

Ein Gang, der unter dem Schlegl-Grundstück wurde dazu bereits mehrmals „besucht“ und vom Eigentümer vor kurzem an seinem Endpunkt auf dem Fuchsberg-Abhang aufgegraben und entwässert. Vom Gasthaus aus geht es dort über mehrere Kellertreppen nach unten. Am Ende des zweiten Kellerraumes gelangt man über drei weitere Stufen am Einstieg in einen 1,80 Meter hohen und 1 Meter breiten Tunnel. Dieser windet sich auf einer Länge von etwa 30 Metern durch das mürbe Granitgestein in westlicher Richtung. Man unterquert den Hofraum, die Scheune und einen Teil des Grasgartens am Abhang, bevor man wieder ans Licht kommt. Bei den ersten beiden Erkundungen war der Gang bis zu einer Höhe von etwa 1,40 Meter mit kalten Wasser gefüllt, jetzt kann man ihn, so Josef Krügelstein, der Besitzer bequem begehen.

Etwas anders ist es bei dem vor kurzem besuchten Kellergang, welcher im Hofraum des Härtl-Anwesens beginnt. Hier kommt man erst sehr über zwei Treppen in einen angenehm hohen (etwa 2,20 Meter) und sogar vom Inhaber elektrisch beleuchteten Vorratskeller, welcher K-förmig angelegt ist. Ein Ast führt in Richtung Wohnhaus, einer Richtung Gasthof Frieser und der längste Bereich bis unter die Ostseite des Rathauses. Rechts an der Wand kaum lesbar in die Felswand geritzt die Buchstaben I - C - K und die Jahreszahl 1790. Vielleicht hat ein Johann Georg Knor, welcher auf einer Tafel an der Giebelseite des Hauses mit der Jahreszahl 1800 angeschrieben steht den Keller (oder eine Vergrößerung des Kellers) erstellt? Im letzten Drittel dieses Raumes ist rechts ein großer Abzweig (120 cm breit, etwa 180 cm hoch) sorgfältig mit bearbeiteten Steinen und Erdreich verfüllt. Er zieht in etwa in Richtung der früheren Staufer-Brauerei (Gaststätte Bösl). Hatte er mit den dortigen Kellerräumen eine Verbindung? Die Verfüllung ist so dick, daß man mehrere Stunden bräuchte, sie zu öffnen.

Am Kellerende dann das, was wir eigentlich suchen, ein unscheinbares dunkles Loch, nur 70 cm breit und 140 cm hoch. Ein „richtiger Maulwurfgang“ und so fühlen wir uns auch, als wir eindringen. Knöcheltiefer fester Schlamm zerrt an den Schuhen, die Luft ist stickig, schwer, die Taschenlampen zittern ihren Strahl vor uns her. Nur etwa 7 bis 10 Meter weit kann man sehen, dann kommt immer wieder eine Krümmung. Der Gang windet sich, wie ein ausgelegter Gartenschlauch durch den Granitboden. Die „armen Schweine“ welche ihn früher graben mussten, waren nicht zu beneiden. Er ist eindeutig menschlichen Ursprungs. Keine Erdverwerfung, sondern nur die Ritzspuren der Meißel „zieren“ die Wände. Ebenso wie im Schlegl-Gang wurde mit äußerster Sorgfalt gearbeitet. Da steht nicht ein Stein aus der Wand vor! In den Biegungen die auch schon bekannten Lichtnischen im Fels. Nach etwa 50 Metern hört unsere Meßschnur auf. Ein Stück weiter dann der Tunnel. Er ist sauber mit Steinen verfüllt. Unten eine Ablaßöffnung für das Wasser. Arbeit aus jüngerer Zeit, wie es aussieht. Wir drehen keuchend um.

Siegfried Härtl, der Besitzer kennt „seinen“ Gang schon. Vom Vater weiß er, dass dieser an einem rot auf einer Mauer markierten Punkt am Fuchsberg, dem sogenannten Pfarrangen endet. Ein Auslauf ist da aber nicht sichtbar. Keller und Tunnelgang unterqueren also beim Rathaus Wasserleitungen, Kanalisation, sämtliche anderen Versorgungsleitungen ohne daß man im Untergrund Risse oder sonstige Auffälligkeiten bemerkt. Einen senkrechten Schacht von etwa einem Meter Durchmesser vier Metern Höhe fanden wir noch auf der Strecke. Früher wahrscheinlich zur Belüftung gebraucht, heute oben mit Steinen verschlossen. „Schätze“ fanden wir nicht. Auch unter dem Rathaus scheinen in Kohlberg keine geheimen Reichtümer versteckt worden zu sein. Sein „Geheimnis“ hat dieser Gang auch nicht preisgegeben. Als Fluchtgang wäre er früher wohl denkbar gewesen. Dagegen spricht jedoch, daß er in einer Entfernung von etwa 20 Metern außerhalb der Kirchhofmauer (jetzt Kriegerhain) endet. Also nicht im Schutz der damaligen Fliehkirche mit ihrem wehrhaften Bering. So sind wir also heute über den Sinn der Kohlberger Gänge genau so „gescheit“, wie der bekannte Dr. Ernst Gagel, welcher 1969 diesen Tunnel ein Stück weit begangen hat. Auch er konnte sich keinen Reim auf dessen Verwendung machen.

Buschn-Hans