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Der Schneiderpeter-Förster

Autor: Buschn-Hans
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„Des is schoo ziemli lang her, dou schtöih i vo r Treibjacht ganz am Rand vo d Kettn (Reihe der Schützen), etliche Meter abseits vo de annern. Ich loihn (lehne) ganz rouhrig am Schtamm von r Föichtn (Fichte) wöi i rechts wos rascheln höier (höre). Dou kummt scho s nr Schtauern (aus einem Gebüsch) Fuchs ssgrennt. Trumm-Kerl, sog i dir! Er wittert ganz kurz, ow siht mi nit hinter die Est (Äste). I schtöih mucksmeiserlschtd. Dou derfst nit mal mit di Augn zwinkern, sunst hout er di scho dluht (erspäht) und is ruck-zuck dvaa. Erscht wöi er schreech (schräg) aa mir vorbei wor, how e d' Flintn in d' Höich g'rissn und. peng, scho is er doug'leng!“

Ja, wenn der Schneiderpeter-Förster früher seine Jagdgeschichten im Wirtshaus auftischte, da wurde es ruhig im Raum. Er hatte aber auch ein besonderes Talent zum erzählen! Ob davon einiges an Jägerlatein dabei war, glaube ich noch nicht einmal, es klang alles sehr echt. Doch lassen wir ihn erst zu Ende berichten: „Als am Ouhmd (Abend) d' Schtreck (Jagdbeute) sglegt worn is, dou hom's vielleicht alle gschaut! So n Mordskrl vo Fuchs hout vo de annern nou koiner vor d' Flintn kröigt! Alle hom nn bewunnert, und di Frau vo mei'm Chef - ganz noble, schöine Person - hout m n in ganzn Ouhmd unbedingt o'schwtzn (abschwätzen) wölln. Ow dou is ihr d Schnowl swer bliebn!“ „Houst deen dann sschtopf (präparieren) louer“, wollen die Gasthausbesucher wissen. „N, des nit, ower s Föll how i scho gerbn louer“, antwortet er. „Und wee (wem) houst des nouchert dann g'schenkt“, will einer wissen. „Koin Weiwerts und sunst koim. Des how i mit nu mejerern (mehreren) annern Schtickln in meiner Kommod (Schrankkoffer) mit herbracht, wöi's me pensioniert hom. Und wenn i mal schtirb, dann kröigt's wer, des is scho g'regelt“, verkündet er dem Frager.

Nun liegt er schon ein Dutzend Jahre unter dem Erdboden, der Wilhelm Götz, wie er richtig hieß. Er stammte als eines von vier Kindern aus dem Schneiderpeterhof am oberen Markt. Der liegt schräg gegenüber der Raiffeisenbank. Ein breites, stattliches Wohnhaus mit ausgewogenen Proportionen, dem man ansieht, daß es sich darin gut leben läßt. Daneben der Hofraum. Die Stallungen, Heustadel und Scheunen westwärts zum steil abfallenden Fuchsberg-Rücken hin. Die hohen Gebäude bildeten früher einen willkommenen Schutz gegen die kalten Winde. Der Hausname: „Schneinderpäider“, wie er bei uns ausgesprochen wird, verbindet wie so oft den Namen eines vormaligen Besitzers mit dessen Beruf. Nachdem nur einer der beiden damaligen Söhne - der Johann Götz - das Anwesen erben konnte, zogen die anderen Kinder, zwei Töchter und der Wilhelm hinaus in die Fremde. Alle drei gingen „ins Fränkische eine“, wie wir sagen. Wilhelm Götz war nach mehreren Stationen in der Gegend von Aalen gelandet, wo ein fürstlicher Großgrundbesitzer ausgedehnte Wälder sein Eigen nennt. Aber auf dem Teilstück, das man dem „Schneinderpäider-Förschter“ zur Betreuung übergeben hatte, war er der Herr im Wald.

Auch dann, als eines Tages die Fürstin - Jahrzehnte jünger als ihr Herr Gemahl - zusammen mit etlichen Freunden auf schweren Motorrädern über die stillen Waldwege donnerte. Da packte den redlichen Waidmann die heilige Wut! Mit vorgehaltener Büchse stoppte dieser die ganze Meute. Bevor er jedoch ein kräftiges Donnerwetter loslassen konnte, nahm die Fürstin den Schutzhelm ab und klärte mit einigen verbindlichen Sätzen die Lage. Sie ist danach aber nicht mehr in „seinem“ Wald gesehen worden.

Überhaupt war das ein besonderes Kapitel, der Wilhelm und die Frauen. Er war ein „eiserner“ Junggeselle. Man sah nie ein weibliches Wesen an seinem Arm, obwohl er - groß und stattlich gewachsen, braungebrannt, im grünen Lodenanzug mit dem breitkrempigen Hut auf dem blonden Haupt - wirklich ein tolles Mannsbild abgab. Da blieb es natürlich nicht aus, daß er am Wirtshaustisch öfter mal daraufhin „aag“schpitzt' (schelmisch angestichelt) wurde. Doch darauf hatte er eine für ihn typische Antwort parat: „Ja mei, woißt: mein Hund und mi mooch koine. Mir sn ow dnou!“ Also, das müssen Sie sich bitte selbst „übersetzen“.

Nachdem der Wilhelm Götz gesundheitsbedingt mit etwa sechzig Jahren in den Ruhestand ging, wollte er auf dem Aussiedlerhof seiner Schwägerin den Lebensabend verbringen. Nebenbei half er, wo immer sein fachlicher Rat gefragt war, auch beim Kohlberger Waldverein. Einmal, bei einem Waldfest saßen wir nebeneinander an der Bierkasse in der OWV-Festhalle. Den Hauptgang herunter kommt eine attraktive, mit Schmuck behängte Dame mit einem kleinen Hund an der Leine auf uns zugestöckelt und will zum Seiteneingang. Da hat mich „der Hafer gestochen“. „Du Willi, wenn Du öitz wöhln (wählen) knnt'st, wos tt'st n Du nehmer? 'S Wei oder 'n Hund“, will ich wissen. Der Schneiderpeter-Förster zwickt ein Augenlid leicht zu, hebt die andere Augenbraue, wie wenn er über Kimme und Korn zielen tät, macht einen leicht schiefen Mund, was so seine Art ist und sagt bedächtig: „Also woißt! 'N Hund moußt nit so lang hom (haben)!“

Leider konnte der Wilhelm Götz seine Rente und die netten Abende in den Wirtshäusern nur kurze Zeit genießen. Der Herrgott hat ihn schon bald heim geholt. Ich hoffe nur, daß mir der Willi von da oben runter verzeiht, wenn ich seine alten Geschichten zu Papier bringe. Denn vorstellen könnte ich mir schon, daß er den Petrus an der Himmelspforte angeraunzt hat: „Wos soll denn iich mit r Harfn? Gi mir Flintn!“

Buschn-Hans